Diversität im Lehr- und Lernprozess

Diversität und Bedingungsfaktoren von Lehre und Studium

Lehr-Lern-Situationen und -Prozesse werden durch verschiedene Faktoren beeinflusst. Je nach Betrachtungsebene können verschiedene Diversitätskategorien relevant werden und in Wechselwirkung zu den jeweiligen Rahmenbedingungen treten.
Diversitätsorientierte Lehre reflektiert sowohl verschiedene Diversitätskategorien als auch unterschiedliche Bedingungsfaktoren von Lehre und Studium.

Dazu gehören insbesondere:

» individuelle Ausgangsbedingungen seitens der Studierenden
 
  • Vorwissen, Lernstrategien, verfügbare Ressourcen inkl. Zeit, Selbstwirksamkeitsüberzeugung, Studienmotivation
 
» individuelle Ausgangsbedingungen seitens der Lehrperson
 
  • methodisch-didaktische Kompetenz, pädagogische Orientierung, Selbstverständnis als Lehrperson (Lernbegleiter_in, Expert_in fürs Fach u.a.), Seminarleitungskompetenz, Einstellung zu Diversität, Fachwissen
 
» Interaktionskontext
 
  • Lernklima, Lehr- und Lernkultur, Erfahrungs- und Wertehorizont, Lehrveranstaltungsformat, Zeit und Ort
 
» institutionelle Rahmenbedingungen
 
  • Studienmodelle (Vollzeit/Teilzeit), Lehr-Lern-Medien, Studienordnungen, Prüfungsformate, studienbegleitende Angebote, Optionen und Barrieren analoger und digitaler Lernorte
 
» Lehrmaterial
 
  • inklusive Sprache, barrierefreier Zugang, Verständlichkeit, Visualisierungen, Verzicht auf stereotypisierende Darstellungen, adressat_innenorientiert
 

Die Aufzählung ist als exemplarisch und nicht als vollständig zu verstehen.

Diversitätskategorien

In der Lehrentwicklung wird einem breiten Verständnis von Diversität gefolgt. Berücksichtigt werden sowohl die personelle Vielfalt als auch Unterschiede in den Zugängen und Voraussetzungen von Studium und Lehre. Diversität hat viele Facetten und zeigt sich in unterschiedlichen Formen, sie erfasst Unterschiede ebenso wie Gemeinsamkeiten.

In Konzepten des Diversity Managements liegt der Fokus auf sozialen Kategorien. Diese können in der Lehre unmittelbar wirksam sein, oftmals beeinflussen sie Lehren und Lernen jedoch indirekt. Als stärker direkt lernrelevant gelten in der Lehr-Lern-Forschung andere Kategorien, die eher unter dem Schlagwort Heterogenität gesammelt werden.

Soziale KategorienKategorien der Lehr-Lern-Forschung
  • Alter
  • Geschlecht
  • soziale Herkunft
  • Migrationsstatus
  • Ethnizität
  • Sorgeverpflichtungen
  • Dis_Ability
  • sexuelle Identität
  • Lebensform
  • Studienmotivation
  • studienrelevantes Vorwissen (knowing what)
  • Lernstrategien (knowing how)
  • affektiv-motivationale Aspekte wie
    • Selbstwirksamkeitsüberzeugung
    • Tiefe der Auseinandersetzung
    • Ablenkungs- und Aufschiebeverhalten
    • Emotionen wie Angst vor Misserfolg
    • Gewissheits-/Ungewissheitsorientierung
    • Anstrengungsbereitschaft & Ausdauer
  • bevorzugte Lehr-/Lernformen
  • sprachliche Kompetenzen
  • Intelligenz
  • Fachdisziplin
  • Studienerfahrung/Semester
  • soziale Eingebundenheit an der Hochschule
  • Habitus

Soziale Kategorien wie Geschlecht können die Studienwahl mitbestimmen, die soziale Herkunft Einfluss auf den Hochschulzugang und die Studienmotivation nehmen, Zuschreibungen hinsichtlich ethnischer Zugehörigkeit (oftmals implizit) Leistungserwartungen verändern, Sorgeverpflichtungen können zum Wunsch nach flexibleren Studienmodellen führen, Barrieren im Studium einen Nachteilsausgleich für Studierende mit Beeinträchtigungen erforderlich machen, Studierende und Lehrende mit geschlechtlicher und sexueller Verortung jenseits von Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität können Diskriminierung erfahren, unterschiedliche Lebens- und Berufserfahrungen eine Chance für Perspektivwechsel sein, anfängliche Irritationen und Fremdheitsgefühle können Ausgangspunkt für (Selbst-)Reflexions- und  gemeinsame Lernprozesse sein.
Die Passung von bevorzugten Lernformen der Studierenden und methodischer Gestaltung der Lehre beeinflusst den Lernerfolg ebenso wie Selbstwirksamkeitsüberzeugungen, Ablenkungs- und Aufschiebeverhalten oder Angst vor Misserfolg. Studienrelevantes Vorwissen und das Repertoire an Lernstrategien sind für die Aneignung von Fachwissen und die Ausbildung von Kompetenzen relevant, das Ausmaß (fach)sprachlicher Kompetenzen wirkt auf das Lerntempo, die Relation von Mehrheiten und Minderheiten kann Einfluss auf Gruppenprozesse und die soziale Eingebundenheit in die Hochschule nehmen.

Je nach dem, wie Lehre gestaltet wird und welche Einstellungen Lehrende und Lernende gegenüber Diversität besitzen, können Unterschiede ebenso wie Gemeinsamkeiten zu Lernoptionen, zu Perspektiverweiterung oder zu Tunnelblick, zu Konflikten – seien sie konstruktiv oder destruktiv – oder zur Hinterfragung des Selbstverständlichen führen.

Gesellschaftliche Zusammenhänge zwischen Diversität und Ungleichheit wirken in die Hochschule hinein und werden zum Teil sogar noch durch diese verstärkt. Diversität ist jedoch nicht omnirelevant. In vielen Situationen spielen Diversitätsausprägungen nur eine untergeordnete oder keine Rolle. Ebenso wie Unterschiede anerkannt und in der Lehre reflektiert werden sollten, sollten diese nicht dramatisiert werden. Denn der Fokus auf Differenzen kann Gemeinsamkeiten in den Hintergrund rücken und zur Reproduktion von Stereotypen und Differenzlinien führen.

Deutungsoffenheit von Diversität

Diversität kann – im Sinne der Denkfigur von Deleuze/Guattari – als ein Rhizom betrachtet werden: Sie wuchert in viele Richtungen, zeigt sich je nach Perspektive in unterschiedlicher Gestalt und besitzt keine natürliche Hierarchie, sie hat keinen Ursprung und kein vorgegebenes Ziel.

Wann welche Form von Diversität relevant ist, lässt sich nicht verallgemeinernd feststellen. Diese Frage gilt es kontext- und situationsspezifisch immer wieder zu stellen und  sie impliziert entsprechend je verschiedene Handlungskonsequenzen.