Neuer Master-Studiengang: Kritik der Gegenwart

06.02.2020 Begreifen, was uns zustößt, beobachten, was uns geschieht, sich dem öffnen, was eintritt. Der Studiengang „Kritik der Gegenwart - Künste, Theorie, Geschichte“ an der Leuphana Graduate School unternimmt nicht weniger als eine Neubegründung der Kulturwissenschaften. Das viersemestrige Programm wird von Prof. Dr. Erich Hörl geleitet. Bewerbungen sind vom 1. April bis zum 1. Juni 2020 möglich.

Das Denken kommt in der Regel zu spät. Erst im Nachhinein, wenn der Bildungsprozess einer Wirklichkeit abgeschlossen ist, begreift das Denken, was diese bedeutet. Hegels berühmte Sentenz, wonach „die Eule der Minerva […] erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug“ beginnt, hat diesen retrospektiven Aspekt des Denkens auf den Punkt gebracht. „Die Kulturwissenschaften aber, wie wir sie in Lüneburg verstehen“, erklärt Hörl, „können und wollen sich mit dieser Nachträglichkeit des Denkens nicht abfinden, ja, sie haben sich zumindest in manchen Schattierungen genau gegen diese philosophische Tendenz zur Rückschau in Stellung gebracht, suchen nach Strategien zu deren Überwindung und vertreten im Gegensatz dazu den schwierigen Anspruch einer Zeitgenossenschaft des Denkens mit der ihm eigenen Zeit.“ Dieser kulturwissenschaftliche Anspruch trat über die Jahre ihrer Etablierung an den Universitäten, die auch die Jahre einer rasenden Globalisierung, Kapitalisierung, Technisierung waren, in den Hintergrund.  Angesichts der vielen soziokulturellen und -politischen Konfliktzonen, die wir heute bezeugen, erscheint aber gerade die Erneuerung und sogar offensive Rekonzeptualisierung dieses Anspruchs nötiger denn je. Das kulturwissenschaftliche Masterprogramm „Kritik der Gegenwart – Künste, Theorie, Geschichte“ unternimmt genau dies und kreist um die Frage: „Was heißt es und auf welche Weise, durch welche Perspektivierungen gelingt es uns, der eigenen Zeit zeitgenössisch und ihr gerecht zu werden?“ Es geht darum, mit einem anderen Verhältnis zur eigenen Zeit zu experimentieren: Perspektivierungsweisen zu entwickeln, die es uns ermöglichen, der Gegenwart anzugehören und dabei doch zugleich Abstand zu ihr zu wahren, nicht restlos in ihr aufzugehen, anstatt gegenwartsfasziniert immer auch unzeitgemäß zu sein - um genau daraus überhaupt die Kraft zur Diagnose und Beobachtung zu entfalten.
Der Studiengang schlägt drei zentrale Perspektivierungsweisen vor – Künste, Theorie, Geschichte –, deren außergewöhnliche Verschränkung den unzeitgemäßen Zugriff auf die Gegenwart und ihre historische Tiefendimension ermöglicht. „Die Studierenden des Masters“, führt Hörl aus, „werden dahin geführt, mithilfe dieser drei Perspektivierungsweisen entlang der großen Konfliktlinien der Gegenwart Problematisierungsarbeit zu betreiben und dergestalt an deren Erkennbarkeit zu arbeiten.“ Dabei interveniert die Perspektivierungsweise der Künste in etablierte Formen der Wahrnehmung, ihre Medien und Institutionen und umfasst dabei etwa zeitgenössische Kunst und Kunst der Moderne, Literatur, performative Künste und Ästhetik aus transkultureller Perspektive; die der Theorie überschreitet die Begriffsarbeit der Philosophie in Richtung anderer Orte kritischer Theoriebildung wie Kultur-, Medien-, Gender- und Queertheorie bis hin zur Theorie der Postkolonialität und Dekolonialität; die der Geschichte schließlich öffnet die Gewordenheit der Problemfelder kultur-, wissens-, macht- und mediengeschichtlich. Ziel ist es, im originären Zusammenspiel dieser Perspektivierungsweisen die komplexen aktuellen Problemlagen – von den zeitgenössischen Formen des Kapitalismus und der Welt-Form der Globalisierung über die Verwüstungen des Anthropozäns bis hin zu Formen der Macht und des Gemeinsamen unter Bedingungen von Digitalität – entflechten zu können und dazu auf kraftvolle Weise sprechfähig zu werden. „Wenn 'Denken heißt', wie Reiner Schürmann einmal geschrieben hat, 'bei den Bedingungen auszuharren, unter denen man lebt, an dem Ort zu verweilen, den wir bewohnen'", sagt Hörl, „dann wollen wir genau dieses Ausharren und Verweilen präzise entwickeln und einüben."

Ausloten der Bedingungen des Zusammenlebens

„Dabei müssen wir uns vor allem aber auch“, so Hörl, „von der Figur verabschieden, die Kulturwissenschaften würden so etwas wie die herausragende Reflexionsinstanz einer allgemeinen Krise der Modernisierung sein oder der von der Modernisierung verursachten Beschädigungen des Lebens, die diese im fortwährenden Krisenmodus halten.“ Die Gegenwartskritik habe sich momentan förmlich festgefahren in der die großen Erzählung, dass irgendetwas (die Natur und die Kultur, die Nation, die Politik, die Ökonomie und die Gesellschaft, natürlich auch die Universität) in der Krise sei. Ohne Krise scheint nichts mehr zu gehen im Denken, Kritik scheine nachgerade die Krise zu ihrer Legitimation zu brauchen und sie deshalb auch ständig anzurufen. „Wir brauchen stattdessen eine Umwendung des Denkens“, sagt der Studiengangsleiter, „die genau diese Krisenrhetorik unterbricht, ihr durch präzise Analysen ins Wort fällt. Gegen das unentwegte Krisengerede ist der Studiengang daraufhin angelegt, die großen Konflikte unserer Gegenwart genealogisch zu durchleuchten und systematisch zu erarbeiten. Dabei ist der Horizont, vor dem diese Problematisierungsarbeit der Kritik betrieben wird, die Frage nach dem Gemeinsamen.“
Es geht weder bloß um die Suche nach einem besseren Leben noch um den Aufweis der damit verbundenen Normativität.  Stattdessen soll die in dem Masterprogramm vermittelte Kritikfähigkeit letztendlich das unentwegte Ausloten der Bedingungen des Zusammenlebens ermöglichen und die Studierenden in die Lage setzen, die Gegenwart vor dem Hintergrund der zentralen Frage zu bearbeiten: „Was braucht es, um Ja zu sagen zu einem gemeinsamen Existieren? Eben diese Frage markiert den Horizont der Kritik und gibt ihr ihre unbestreitbare Legitimität.“
Das Label „Kulturwissenschaften“ wird an verschiedenen Standorten sicherlich ganz unterschiedlich besetzt. An der Graduate School der Leuphana setzt dieses Fach (das eigentlich kein Fach im strengen Sinne, sondern in sich plural ist, einen wahrhaften Fächerverbund darstellt), indem es Kritik und Diagnose als kulturwissenschaftliche Aufgaben in den Vordergrund schiebt, direkt an den kulturellen Kämpfen der Jetztzeit an. „Es erneuert und erweitert den einstigen Gründungsimpuls der Kulturwissenschaften, die einmal als Antwort auf die Rückfälligkeit in die Barbarei als ihre methodische Voraussetzung entstanden waren, macht das Fach zu einem dringend benötigten kritischen Zentrum im Herzen der heutigen Universität“, so Hörl.

Der Studiengang ist einzigartig in der deutschsprachigen Universitätslandschaft und er ist eingebettet in ein lebendiges Forschungsumfeld zu Kulturen der Kritik, einem der drei großen Schwerpunkte der Fakultät Kulturwissenschaften. Bewerbungen sind vom 1. April bis zum 1. Juni 2020 möglich.

Weitere Informationen finden Sie auf der Studiengangsseite sowie beim Master Infotag 2020. Der Studienumfang beträgt 120 ECTS. Im Rahmen der deutsch-italienischen Kooperation mit der Universität Genua besteht die Möglichkeit, das zweite Masterjahr an der Università degli Studi di Genova zu verbringen.